Erzähle kraftvolle Geschichten über Dich und Dein Leben

Vor einiger Zeit auf einem Netzwerktreffen. Wir saßen in kleiner Runde beisammen und tauschten Geschichten aus – über das Leben im Allgemeinen, über Zukunftsvorstellungen und die eigene Rolle darin. Es war eine breite Palette von Erzählungen. Darunter waren lustige, nachdenkliche, bestärkende, erinnernde und Angst machende – um einige davon zu benennen.

Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, was ich gehört hatte und was diese Beiträge über den jeweiligen Menschen aussagten. Da tauchte die Frage auf:

Welche Geschichten erzähle ich über mich und was bewirken diese?

Ich war neu in diesem Kreis und erhielt an diesem Abend viel Resonanz zu den Themen, die ich einbrachte. Das ist häufig so, wenn ich eine Anekdote aus meinem Leben erzähle. Es brachte mich auf die Idee, mir über die Wirkung unserer persönlichen Geschichten Gedanken zu machen.

Gute Geschichten sind hypnotisch und wirksam

Seit einigen Jahren wird immer wieder hervorgehoben, wie wichtig das sogenannte Storytelling für unseren unternehmerischen Erfolg ist. Doch auch im privaten Bereich spielen unsere persönlichen „Narrative“ – also unsere zentralen Geschichten eine große, bislang unterschätzte Rolle. In diesem Artikel möchte ich Dir zeigen, wie unsere persönlichen Geschichten entstehen und was sie in uns und bei anderen auslösen. Du erfährst, wie Du vergangene Situationen neu bewerten kannst und daraus frische und motivierende Erzählungen entstehen lässt. Denn eines ist sicher: Geschichten wirken immer!

Aus welchem Stoff bestehen unsere Geschichten?

Je älter wir werden, desto umfangreicher ist das Repertoire an Geschichten. Im Laufe eines längeren Lebens haben wir sehr viel erlebt. Wir sind durch unzählige Erfahrungen gegangen. Diese haben uns geprägt, sie haben uns etwas über das Leben gelehrt und wir haben daraus Strategien für unser Handeln abgeleitet haben. Es waren Situationen, die wir als Herausforderungen empfunden und gemeistert haben. Wir haben den Abgründen des Lebens ins Auge geblickt und/oder manches mit Mühe und Not überlebt.

Welchen Blickwinkel wir einnehmen, ist eine Frage des eigenen Naturells.

Wer dazu neigt, das halbleere Glas zu sehen, wird den Fokus auf das richten, was nicht gelungen ist und sich selbst als Opfer der Umstände oder anderer Menschen erkennen und in der Folge darstellen.

Wer hingegen zum Optimismus tendiert und das halbvolle Glas erkennt, richtet den Blick auf das Ergebnis und erkennt sich als Verursacherin und Gestalterin. Wir stellen uns als Person dar, die in der Lage ist, aus vertrackten Situation mit „einem blauen Auge davon zu kommen“ oder sogar erfolgreich aus einer schon verloren geglaubten Situation hervorzugehen.

Anmerkung:
Angesichts der Kriegsrethorik, die sich überall breit macht, spreche ich nicht mehr davon, „siegreich“ aus einer verloren geglaubten „Schlacht“ hervorzugehen…

So entstehen aus ein und derselben Situation unterschiedliche Varianten: die Heldinnengeschichte, das Drama mit bösem Ausgang, eine Entwicklungsgeschichte und andere Versionen von kraftvollen Erzählungen.

Varianten des Immer-Gleichen oder Neubewertung? Du entscheidest!

Nicht immer erzählen wir dieselbe Situation in immer gleicher Weise. Es kann passieren, dass wir einmal die Heldin und das nächste Mal das Opfer sind. Dies hängt davon ab, wem wir unsere Geschichte erzählen.

Sprechen wir in der Familie darüber, bleiben wir unserer gewohnten Rolle verbunden und unterstreichen diese damit.

Treffen wir uns mit Beteiligten der Situation, kann sich diese Rolle wandeln, da es hier es zu einem Austausch kommt („Weißt Du noch, wie wir…). Manchmal schwelgen wir regelrecht in einer alten Geschichte.

Wenn Du Dir ein früheres Ereignis bewusst vor Augen führst, kannst Du entdecken, was diese Situation in Dir bewirkt. Vielleicht entdeckst Du dadurch, wie sehr Dich eine alte Geschichte lähmt und Dich immer wieder klein, ohnmächtig oder hilflos fühlen lässt.

Geschichten wirken – immer!

Alles, was Du erzählst, hat eine Wirkung – auf Dich selber (meist unbewusst) und auf diejenigen, die sie hören. Du kannst Dich mit einer gut gewählten Geschichte aufbauen, motivieren oder auch feiern.

Es kann auch das Gegenteil passieren. Handelt sie davon, was Du nicht erreicht hast, wo Du nicht mutig (genug) warst oder einfach mit Deinen Vorstellungen gescheitert bist, machst Du Dich mit Deiner Variante klein und unbedeutend.

Manche Geschichten enthalten eine Kombination aus beidem: aus der Distanz betrachtet, erkennst Du in der Niederlage den Samen von späteren Erfolgen und drehst damit eine Story vom Scheitern in eine Wachstumsgeschichte.

Gerade in persönlichen Beziehungen spielen diese Faktoren eine große Rolle. Sie können dazu führen, dass andere mehr von Dir erfahren möchten oder sie bewirken, dass eine Distanz eintritt, die den Zugang zu Dir erschwert.

Daher ist es wichtig, Dir immer wieder bewusst zu machen, was Du mit Deiner Geschichte bewirken möchtest.

Was bewirken unsere Geschichten bei denen, die sie lesen und hören?

Es gibt Geschichten, die uns berühren und auf neue Gedanken bringen. Sie lassen uns eine eigene Situation mit anderen Augen betrachten, zeigen uns einen neuen Blickwinkel oder gar einen Ausweg. Damit können sie als Vorbild dienen und Menschen ins Handeln bringen.

Wieder andere Geschichten sind so großartig, dass wir uns nach ihrer Lektüre ganz klein und unbedeutend fühlen. Das passiert leicht mit Erzählungen, in denen es vorrangig um „größer, schneller, weiter“ geht und die Protagonisten scheinbar keine Herausforderungen oder Brüche erlebt haben.

Daher ist es wichtig, eine Balance zu finden in dem, was wir erzählen. Wie mit vielen Dingen im Leben gilt auch hier: wie eine Geschichte wirkt, kommt auch auf die jeweilige Situation an.

Was Du auf jeden Fall machen kannst: Dein Erleben neu einordnen und daraus eine andere Geschichte entstehen lassen. Wie dies geht, zeige ich Dir hier.

Welche Geschichte(n) erzählst Du über Dich – und was lösen sie aus?

Was sind Deine zentralen Geschichten, die Du immer wieder erzählst?
Welche Bedeutung haben diese für Dich und wie wirken sie auf andere?

Nimm Dir eine Geschichte, die Du besonders gerne erzählst. Spüre ihrer Wirkung mit diesen 5 zentralen Fragen nach:

Frage #1: Wie oft erzählst Du diese Geschichte?
Bei welchen Anlässen kommt sie zum Einsatz?
Hat sie eine Botschaft oder eine Moral (ein Begriff, der etwas aus der Mode gekommen ist)? Wenn ja, welche ist dies?
Oder ist es „nur“ eine Geschichte, die Dich in einem guten Licht, als Held oder Macherin – oder im Gegenteil: als Opfer – dastehen lässt?
Magst Du die Geschichte immer noch, oder kannst Du sie langsam selbst nicht mehr hören…? Dann wähle eine neue Geschichte 🙂

Frage #2: Was sind die zentralen Elemente Deiner Geschichte?
Gibt es darin eine Dramaturgie oder plätschert sie so dahin?
Welche Rolle hast Du darin? Mögliche Rollen, auf die Du hier achten kannst, sind Träumer, Handelnde, Opfer…

Welches Gefühl löst es in Dir aus, wenn Du Dir dies bewusst machst?

Frage #3: Was löst die Geschichte in Dir aus?
Fühlst Du Dich damit wohl?
Gefällt sie Dir und erzeugt ein Wohlgefühl in Dir?

Achte genau auf das, was in Deinem Körper geschieht, wenn Du sie erzählst.

Wo kannst Du eine Resonanz wahrnehmen?
Wie bewertest Du diese, als hell und leicht oder eher dunkel und schwer?
Was nimmst Du möglicherweise darüber hinaus wahr?

Vielleicht gibt es noch weitere Impulse…

Frage #4: Wie könntest Du diese Geschichte ANDERS erzählen?
Das könnte mit mehr Tempo sein oder langsamer, mit mehr Pausen.
Du kannst Dinge weglassen, die weniger bedeutsam sind und Dich auf die Aspekte konzentrieren, die eine klare Dynamik erzeugen.
Probiere aus, wie sich die Geschichte verändert, wenn Du Dich auf einige zentrale Punkte konzentrierst und alles weglässt, was bewertend ist oder die Erzählung nicht weiterbringt.

Meine Empfehlung:
Nimm‘ den bisherigen Text mit dem Handy auf und höre ihn Dir zu unterschiedlichen Tageszeiten an. Lass ihn wirken und lausche dem Nachhall in Dir 🙂

Frage #5: Welche andere Geschichte könntest Du erzählen?

Sicher gibt es in Deinem Leben viele andere Ereignisse, die es wert sind, geteilt zu werden. Erstelle eine Liste mit allen Begebenheiten, die Dich geprägt haben.

Was hat sie besonders gemacht, so dass sie in Deiner Erinnerung noch lebendig sind?

Finde heraus, welche Ereignisse Dich in „neuem Gewand“ darstellen oder einen Aspekt von Dir zeigen, der den meisten Menschen unbekannt ist. Überrasche damit diejenigen, die Deine Geschichten schon x-mal gehört haben, darüber ins Gähnen kommen oder die Augen rollen 😉

Das sogenannte Storytelling wird heute viel im unternehmerischen Kontext eingesetzt. Darüber wird vergessen, dass es auch im persönlichen Kontext wichtig ist, gute und emotionale Geschichten zu erzählen. Über Dich und Deine Lebensgeschichte stellst Du Verbindungen her und machst Dich als Person greifbar. Mit der Wahl Deiner Geschichten zeigst Du, was Dir wichtig ist und welche Art Mensch Du bist.

PS: Am Ende zählt nur die Liebe :-)

1 Kommentar zu „Erzähle kraftvolle Geschichten über Dich und Dein Leben“

  1. Liebe Ulrike,
    Der Liebesbrief hat mich sehr berührt. Wie du liebe ich Geschichten über alles (auch im beratenden Kontext) und ich erzähle auch gerne Geschichten. Heute hatte ich ein Abschlussgespräch mit meiner Chefin nach fünf Jahren 20%-Stelle in der Jugendarbeit. Wir haben gemeinsam Höhen und Tiefen durchlebt, Corona überstanden und das Miteinander immer wieder neu austarieren müssen (sie ist halb so alt wie ich). Auf die Frage, was würdest Du aus heutiger Sicht anders machen, fiel mir nur ein: gar nichts. Jede Entscheidung auf diesem sehr bunten, oft steinigen Weg war im Moment der Entscheidung richtig, jede Weggabelung hatte zu der Zeit ihren Sinn. Welchen Weg jede von uns dann jeweils eingeschlagen hat, im Nachhinein zu korrigieren halte ich für keine gute Idee. Denn letztlich sind wir da, wo wir jetzt als Team angekommen sind, auf einem guten Platz und ich kann mit einem zufriedenen Gefühl in Rente gehen. Wir vier Frauen haben untereinaner in Liebe und Wertschätzung gelebt, dabei blieb immer die Person wichtig, nicht die Taten. Ermutigung pur.

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